Ein CEO fragt ChatGPT, wie er eine Bonuszahlung von 250 Millionen Dollar umgehen kann. Seine eigenen Anwälte warnen ihn. Er ignoriert sie. Das Gericht urteilt gegen ihn. Der Fall Krafton zeigt, was passiert, wenn Unternehmen KI als Ersatz für menschliche Expertise behandeln.
Was passiert ist
Die südkoreanische Gaming-Firma Krafton kaufte 2021 das Studio Unknown Worlds Entertainment für 500 Millionen Dollar. Unknown Worlds hatte mit Subnautica einen der erfolgreichsten Survival-Titel der letzten Jahre geschaffen. Teil des Deals: bis zu 250 Millionen Dollar Bonus, falls der Nachfolger Subnautica 2 bestimmte Umsatzziele erreicht.
Der Vertrag garantierte dem Studio Unabhängigkeit. Die Gründer Charlie Cleveland und Max McGuire sowie CEO Ted Gill behielten die operative Kontrolle. Entlassen werden konnten sie nur aus triftigem Grund.
Das Problem: Der Bonus wird fällig
Im Frühjahr 2025 wurde klar, dass Subnautica 2 die Ziele erreichen würde. Interne Projektionen zeigten eine Bonuszahlung von bis zu 242 Millionen Dollar. Krafton-CEO Changhan Kim bezeichnete den Vertrag als “Pushover-Deal”. Er wollte nicht zahlen.
Seine Anwältin Maria Park, Leiterin der Unternehmensentwicklung bei Krafton, warnte ihn unmissverständlich: Entlassungen würden die Bonuspflicht nicht aufheben, sondern Klagen und Reputationsschäden auslösen. Kim hörte nicht auf sie.
ChatGPT als Strategieberater
Stattdessen wandte sich Kim an ChatGPT. Die KI erklärte ihm zunächst, dass der Bonus “schwer zu streichen” sei. Kim liess nicht locker. Er drängte weiter, bis ChatGPT einen mehrstufigen Plan lieferte.
Die Empfehlungen der KI umfassten:
- Eine interne Taskforce gründen (“Project X”), um den Deal neu zu verhandeln oder das Studio zu übernehmen
- Publishing-Rechte sperren und den Code-Zugang einschränken
- Eine Kommunikationsstrategie fahren, die “Fan-Vertrauen und Qualität” betont, um vom eigentlichen Motiv abzulenken
- “Systematisches Material für die Rechtsverteidigung” vorbereiten
Krafton folgte dem Plan fast vollständig. Das Unternehmen wurde bei Launch-Anfragen nicht mehr erreichbar, sperrte Steam-Zugänge und entliess im Juli 2025 die Gründer und den CEO unter dem Vorwand, sie hätten eine “voreilige Veröffentlichung” geplant.
Was das Gericht entschied
Am 16. März 2026 urteilte Vice Chancellor Lori Will am Delaware Court of Chancery klar gegen Krafton. Die Richterin widmete zwölf Seiten ihres Urteils der Analyse von Kims ChatGPT-Gesprächen.
Das Gericht stellte fest: “Krafton hat den Vertrag gebrochen, indem es die Schlüsselmitarbeiter ohne triftigen Grund entlassen und die operative Kontrolle des Studios unzulässig an sich gerissen hat.”
Sämtliche Begründungen von Krafton wurden verworfen. Die nachgeschobenen Rechtfertigungen seien “vorgeschoben”, so die Richterin. Ted Gill wurde als CEO wiedereingesetzt, die Bonus-Deadline um 258 Tage verlängert.
Die gelöschten Chat-Logs
Ein besonders heikler Punkt: Kim löschte gezielt ChatGPT-Protokolle, die seine Personalentscheidungen betrafen. Er berief sich auf “Vertraulichkeitsbedenken”. Das Gericht wertete dies anders.
Was viele Führungskräfte nicht wissen: ChatGPT-Gespräche sind vor Gericht verwertbar. Sie werden wie gewöhnliche Geschäftskorrespondenz behandelt. Und selbst gelöschte Chats können über Subpoenas an OpenAI wiederhergestellt werden. Kims Löschung schadete seiner Glaubwürdigkeit, ohne die Beweise zu beseitigen.
Warum der Fall für Schweizer Unternehmen relevant ist
Dieses Urteil betrifft nicht nur die Gaming-Branche. Es setzt Massstäbe für jede Firma, die KI in Entscheidungsprozesse einbindet.
KI-Gespräche sind Geschäftsdokumente. Wer ChatGPT für strategische oder rechtliche Fragen nutzt, erzeugt Beweismaterial. In einem Rechtsstreit werden diese Protokolle wie E-Mails oder Memos behandelt. Schweizer Unternehmen, die KI für sensible Entscheidungen nutzen, brauchen klare Richtlinien für den Umgang mit diesen Daten.
KI ersetzt keine Fachkompetenz. ChatGPT kennt keine Vertragsinhalte, keine Jurisdiktion und keine Gegenpartei. Es generiert plausible Strategien ohne Verständnis für rechtliche Konsequenzen. Die Richterin betonte, dass Führungskräfte “unabhängiges menschliches Urteilsvermögen” ausüben müssen. KI-gestützte Strategien können menschliche Expertise nicht ersetzen.
Absicht wird dokumentiert. Wer ChatGPT fragt, wie man Verpflichtungen umgehen kann, dokumentiert seine Absicht. Unabhängig davon, ob der Rat befolgt wird: Die Frage allein zeigt Vorsatz.
Die richtige Rolle für KI
Der Fall zeigt die Grenze zwischen sinnvollem KI-Einsatz und gefährlichem Missbrauch. KI eignet sich hervorragend für Recherche, Zusammenfassungen, Entwürfe und Brainstorming. Aber bei Entscheidungen mit rechtlichen, finanziellen oder ethischen Konsequenzen braucht es menschliche Expertise.
Krafton hätte ChatGPT nutzen können, um Verhandlungsoptionen zu recherchieren. Stattdessen nutzte der CEO die KI als Ersatz für qualifizierte Rechtsberatung und folgte blind einem automatisch generierten Plan.
Für Schweizer KMU ist die Lehre klar: KI-Tools sind Werkzeuge, die menschliche Arbeit unterstützen. Sobald sie Entscheidungen treffen oder Fachpersonal ersetzen sollen, wird es riskant. Wer einen KI-Workshop besucht, lernt genau diese Unterscheidung: Wo KI Mehrwert schafft und wo menschliches Urteilsvermögen unverzichtbar bleibt.
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Quellen: Reuters, Information Age (ACS), Fortune, 404 Media